Große Ausfälle durch Frost

Obstbauern in Deutschland, Belgien und Holland behielten in der Nacht vom 19. auf den 20 April dieses Jahres mit großer Sorge das Thermometer im Blick. Am nächsten Morgen und in den folgenden Tagen zeigte sich, dass in vielen Fällen das Schlimmste einge- treten war: Die meisten Blüten waren im Frost erfro- ren. Massive Ernteausfälle stehen in diesem Sommer und Herbst an. Das merken auch Verbraucher, denn regionales Obst ist dieses Jahr knapp. Autorin Johanna Tüntsch sprach darüber mit Peter Muß, dem stell- vertretenden Geschäftsführer beim Provinzialverband Rheinischer Obst- und Gemüsebauer e.V.

Herr Muß, welche Regionen und welche Sorten waren von den Frostschäden betroffen?

Frostschäden gibt es in diesem Jahr bei Äpfeln, Birnen, Kirschen, P aumen, P rsichen, Nektarinen und Apri- kosen. Die betroffenen Anbaugebiete erstrecken sich von Westfalen über das Rheinland und Rheinland-Pfalz bis zum Bodensee und in die Steiermark. Auch Holland und Belgien haben gelitten. Anders war es im Alten Land, denn hier setzte die Obstblüte erst später ein.

Warum hat der Frost die Obstbauern dieses Jahr so hart getroffen?

Fröste gibt es fast jedes Jahr. Das ist nicht immer schlimm: Ein halbes Grad unter null können Obstblüten mit wenigen Ausnahmen aushalten. Bei ein bis zwei Minusgraden erfriert ein Teil der Blüten, was in der Regel kein Problem darstellt, da ein Teil der Früchte im Sommer ohnehin entfernt werden müsste, um eine handelsgerechte Fruchtgröße erzeugen zu können. Außergewöhnlich waren in diesem Jahr die hohen Tem- peraturen im März, durch die es zur einer besonders frühen Blüte kam, auf die dann in der Nacht vom 19. auf den 20. April Frost von minus fünf bis minus acht Grad folgte.

Lässt sich die Schadenshöhe beziffern?

Die Verluste waren unterschiedlich. Einige Landwirte konnten sich mit Frostschutzberegnung helfen und dadurch einen Teil der Ernte schützen. Andere haben Verluste von bis zu 100 Prozent.

Was bedeutet der Ernteausfall für die Landwirte?

Das ist von Hof zu Hof unterschiedlich. Es leben ja nicht alle Betroffenen ausschließlich vom Obstbau. Aber wo keine anderen Einkünfte sind, ist es sehr prob- lematisch. Besonders schlimm trifft es die Obstbauern, die im vergangenen Jahr schon Ernteausfälle durch

den starken Hagel hatten, den es 2016 gab. Es gibt Betriebe, die jetzt mit dem Rücken an der Wand stehen.

Im Zusammenhang mit der Frostnacht ist auch von einer Naturkatastrophe die Rede.
Welchen Hintergrund hat das?
Die Landwirtschaftsministerien der Länder können die Frostnacht als Naturkatastrophe einstufen. In Baden- Württemberg ist das bereits passiert. Wir hoffen, dass andere nachziehen. Eine Bewertung der Situation als Naturkatastrophe bedeutet, dass die Landwirte staatli- che Hilfen in Anspruch nehmen können. Dafür müssen die Betriebe dann aber zunächst nachweisen, dass sie existenzgefährdende Einbußen haben. Das können sie nicht sofort, sondern erst ab dem Zeitpunkt, zu dem die Ernte normalerweise verkauft werden würde. Bis dahin müssen sie den Ausfall selbst überbrücken.

Hätten die Landwirte eine Versicherung abschließen können?

Eine Versicherung gegen Frostschäden ist nur bei Erdbeeren möglich. Sie sind leichter vor Frost zu schüt- zen und die Ernte verteilt sich über mehrere Monate hinweg, so dass das Risiko für die Versicherungen weniger hoch ist.

Welche Schutzmaßnahmen gegen Frost gibt es?

Für Äpfel und Birnen ist die effektivste Maßnahme die Frostschutzberegnung. Sie ist aber sehr wasserintensiv und daher aufgrund der natürlichen Gegebenheiten nicht überall ohne weiteres möglich. Vorratsbecken müssten gebaut und zusätzliche Leitungen gelegt werden, was einen großen bürokratischen Aufwand und hohe Kosten mit sich bringt. Hier hoffen wir auf ein Förderprogramm, aus dem die Landwirte Zuschüsse erhalten, um entsprechende Vorkehrungen treffen zu können. Beim Steinobst würde der Einsatz von Wind- maschinen helfen, welche die wärmeren Luftschichten zur P anze herabholen. Das ist zwar nicht ganz leise, fällt aber nur in den wenigen Frostnächten während
der Blüte an, die ja ohnehin nicht länger als ein bis zwei Wochen dauert. Hier brauchen wir das Verständnis der Bevölkerung: Wenn Anwohner aus Lärmschutzgründen dagegen vorgehen, ist es mit dieser Möglichkeit auch wieder vorbei.

Herr Muß, vielen Dank für das Interview!

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